Kunibert Schäfer
Prof. em. für Dirigieren und Orgelsachverständiger

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Chorproben Adventskalender ab 1.12.
Von den Kirchenmusikdirektoren der kath. Diözesen Deutschlands wurden mir 24 „Vorzeigekirchenchöre“ für einen Probenbesuch genannt. Nachfolgend findet ihr Texte, welche ich jeweils, noch ganz unter dem Eindruck der besuchten Probe, kurz danach niedergeschrieben habe. Gemeinsam sind die 24 Chöre, samt ihrer Chorleiter/innen strahlender Beleg für die große Vielfalt und Qualität unter den Deutschen Kirchenchören. Sie lassen uns, trotz manch alltäglicher Probleme immer wieder hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. Gemeinsam mit ihren Chorleitern und Chorleiterinnen waren sie für mich alle einzigartig und ungemein bereichernd. Um diese positive Erfahrung an meine Chorleiterkollegen weiterzugeben, stelle ich an den nun folgenden 24 Tagen im Advent jeweils einen kurzen Text auf meiner Homepage vor. Mögen die Texte Hoffnung und Motivation sein begeistert Chöre zu leiten bzw. auch begeistert in Chören zu singen. 

1. ……und all dies ist kostenlos! 

Es ist kurz vor 20.00 Uhr. Ich öffne die Tür zum Probenraum. Mein Blick fällt in einen großen, hell beleuchteten, mit wunderschönen modernen Gemälden ausgestatteten Saal. Gleich bei der Eingangstür befindet sich ein Tisch mit einer Dose gespitzter Bleistifte. Der Saal ist angenehm temperiert. Die Stühle sind großzügig in unterschiedlichsten Gruppen und mehreren Reihen angeordnet. Auf jedem Stuhl befindet sich eine Mappe mit hochwertigem, neu erworbenem Notenmaterial. Eine Messe von Joseph Jongen op. 130 und das bekannte „Gloria“ von John Rutter werden geprobt. Im Zentrum dieser großen Stuhlkreise zieht ein schwarzer Flügel meinen Blick auf sich. Direkt daneben am Pult beginnt der Chorleiter mit einem freundlichen Gruß die Probe und überlässt anschließend einer ebenso freundlich lächelnden Stimmbildnerin das obligatorische Einsingen. Frei im Raum verteilt kann sich jeder bei Körperübungen lockern, mit Atemübungen entspannen und an ersten Einsingübungen, untermauert mit treffenden stimmbildnerischen Ansagen, probieren. Die sich daran anschließende Chorprobe wird vom hochqualifizierten A-Kirchenmusiker mit „Master“ im Fach Chorleitung kompetent geleitet. Immer freundlich in seinen Ansagen hilft er mit seinem trefflichen Klavierspiel über Unsicherheiten hinweg, singt schwierige Passagen spontan helfend den noch unsicheren Stimmen vor, lässt fein dosiert immer wieder Erklärungen zur Stimmbildung einfließen oder hilft, manchmal fast nebenbei, mit dem unterstützenden Spiel von Grundtönen am Klavier eine bessere Intonation zu finden. Wenn der Chor etwas müde wird, setzt er sofort seine eigene, dirigentische Energie dagegen. Er übersetzt notfalls den Text, motiviert mit Ansagen zum Inhalt und informiert über die Entstehung des Werkes oder fordert die Chorsänger auf besser aufeinander zu hören und eine Einheit im Klang und damit eine wirkliche Chorgemeinschaft zu werden. Nach einer 120- minütigen Probe mit einer kürzeren Pause, bei welcher kostenfreie Getränke verteilt wurden, beendet der Chorleiter die Probe immer noch freundlich lächelnd und wünscht allen einen guten Nachhauseweg. Mein Vater, selbst langjähriger Chorleiter im Saarland, warb häufig auch mit einer solchen Probenbeschreibung um neue Mitglieder und endete dann regelmäßig mit dem Satz „On dat alles gefft et em Koa voa nix! Komm doch äfach mol voabei“ 

 

2. Chorleiter oder Dirigent 

Ein „Oratorienchor“! Welch große Energie ist hier spürbar. Man betritt den Probenraum: Es herrscht ein immenses Stimmengewirr, es ist laut, Menschen unterschiedlichsten Alters stehen um dich herum, sprechen dich vielleicht an und kurze Zeit später bist du ein Teil von ihnen und integriert. Ich selbst durfte über lange Jahre einen großen Laienchor leiten und war immer wieder überrascht, wie sehr mich Sängerinnen und Sänger in ihrer Begeisterung und Energie mitnahmen und regelrecht ansteckten. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass aus der Lautheit des Anfangs auf Zeichen des Dirigenten plötzlich eine spannungsvolle Stille wird. Nun ist es Zeit gemeinsam ruhig zu werden, das Gleiche zu tun! Alle zusammen, keiner mehr allein, die Sorgen und der Stress des Alltags sind (hoffentlich) vorbei. Es war im eher kleinen Probenraum eine spannende, stringente Probe der Chorteile des „Requiems“ von Antonin Dvořák. Zwei Wochen vor dem großen Konzert wurden erstmals ALLE Chorteile geprobt. Trotzdem zeichnete fast jede Ansage des Dirigenten aus, dass zuerst immer und immer wieder etwas Positives formuliert wurde. Erst danach hatten dezent geäußerte Kritik und realisierbare Verbesserungsvorschläge ihren Platz. Eine solche Probenmethodik ist bei einem großen Chor, in welchem Jung und Alt mit häufig unterschiedlichsten sängerischen Fähigkeiten nebeneinander musizieren, sinnvoll und erstrebenswert. Der Dirigent hatte mit seinen Ansagen und Bemerkungen die eher schüchternen und zurückhaltenden Sängerinnen und Sänger im Blick. Er erreichte dadurch aber auch bei den stimmlich erfahrenen Chormitgliedern großes Vertrauen und Wertschätzung als Mensch, und nicht bloß als guter Dirigent. Mir stellte sich hier wieder mal die Frage: Was sind denn die Aufgaben des Chorleitens und welch kleiner Teil davon ist im Unterschied dazu doch die Arbeit des Dirigierens? Übrigens, nachdem eine schwierige Stelle wiederholt, nicht funktionierte, gab der Chorleiter motivierend und zuversichtlich lächelnd den Chorsängern zu bedenken „Keine Angst, habt Vertrauen und Zuversicht, Gott ist mit uns“. Na dann, auch von mir aus, ALLES GUTE für das Konzert. 

 

 

 

 

- Kunst muss aus der Seele geboren werden (Harald Feller). - Es genügt nicht, dass man Musik nur hören kann. Man muss Musik auch sehen können (Igor Strawinsky).